BVPR Umfrage:

Seelsorge angesichts der Corona-Pandemie

Perspektiven für die Pastoral

In Krisen werden wie in einem Brennglas tragfähige oder rissige Strukturen sichtbar. Das gilt auch für die pastorale Konzeption. Jedoch ist konsequent (und in diesem Bild zu bleiben) mitzu“reflektieren“, welches oder welche Brenngläser verwendet werden, um die Pastoral sichtbar zu machen.

1. Brennglas Eucharistie

Die Arbeitsfelder sind - wie bereits dargestellt - auf die Feier der Eucharistie und damit an einen konkreten Ort ausgerichtet. Was aber geschieht, wenn eine Durchführung nicht möglich ist, wie es sich in der Pandemie gezeigt hat? Gottesdienste in der Fastenzeit und insbesondere an den Hochfesten der Heiligen Woche konnten nicht stattfinden. Es wurde von der Sonntagspflicht dispensiert. Auch in der Adventszeit und an Weihnachten konnten die Eucharistiefeiern nur unter nachvollziehbaren Auflagen stattfinden oder mussten teilweise kurzfristig vorverlegt werden, um die Gottesdienstbesucher*innen nicht in Konflikt zu Ausgangssperren zu bringen. Seelsorger*innen waren da gefordert, vertretbare Ersatzformate zu schaffen. Der Umstieg auf Angebote über das Internet ließ sich relativ rasch umsetzen, technische Herausforderungen wurden gemeistert. Dennoch erscheint vielerorts der Anspruch übermächtig: „Wir wollen unseren Pfarrer sehen!“ oder umgekehrt: „Die Gemeinde will doch Ihren Pfarrer sehen!“ 1 Die Kommentare (insbes. in B12 und G19) zeigen deutlich, dass das Überangebot an gestreamten Gottesdiensten (vermutlich Eucharistiefeiern) kritisch zu betrachten ist, zumal es oft an der Qualität der Übertragung mangelt, sowohl technisch als auch in der bildhaften Darstellung. In der Umsetzung zeigen sich Rollenkonflikte der pastoralen Berufsgruppen, die teilweise die Zusammenarbeit im Pastoralteam belasten. Ferner zeigt sich das Problem, dass liturgische Sprache und Handlungen (am Beispiel Kommunionausteilung) bei gestreamten Gottesdiensten nicht immer inklusiv sind, wie eine Kollegin zu den Schlussgebeten kommentiert, in denen für die Kommunion gedankt wird: … „Und wir sitzen am Bildschirm, und ich denke mir …???“ 2
Im Bemühen um attraktive Ersatzformate zeigt sich in den Kommentaren großer Aktionismus. Beispielsweise werden auf die Frage, in welchem Maße sich neue liturgische Initiativen gebildet haben, (vgl. D10) überwiegend internetfähige Formate genannt wie podcasts und andere. Scheinbar ist aus dem Bewusstsein geraten, wer Subjekt oder Träger*in der Liturgie ist. Ansatzweise tauchen diese in den Kommentaren zur Frage G19 wieder auf. Spannend sind in diesem Zusammenhang die Kommentare zu veränderten Abläufen in der Liturgie bei der Firmspendung 3 , denn sie lassen erkennen, dass Priorisierungen bei den handelnden Personen – die Frage des Firmspenders ist nur eine unter weiteren Priorisierungen - in der Liturgie vorgenommen werden mit unterschiedlichen Vollzügen.
Seit den 1970er Jahren wird als größte Krise der katholischen Kirche der Priestermangel bezeichnet, weil damit zu wenige Angebote an Eucharistie (oder anderen sakramentalen Feiern) angeboten werden können 4. Nunmehr in der Corona-Pandemie wird deutlich, dass eine Begrenzung der Teilnehmer*innen das Gebot der Stunde ist und andererseits ein Überangebot an gestreamten Eucharistiefeiern besteht.

2. Brennglas Ambivalenz zwischen Sichtbarkeit und Selbstanspruch kirchlichen Handelns

Kirchliche Handlungsfelder sind oftmals sehr kleinteilig, vielfach der territorialen Seelsorge (wegen eucharistischen Zentrums) zugeordnet. Das kann leicht zu einem Selbstanspruch in der beruflichen Identität führen, letztendlich für alles – quasi als Generalist – zuständig zu sein. Was passiert jedoch, wenn kleinteilige Aufträge schwer durchführbar sind wegen erschwerten Bedingungen? Behalten sie ihre Bedeutung? Wird eine Reduktion auf das Wesentliche vorgenommen? Was ist das Wesentliche, das aktuell vorrangige oder die Kontinuität zu den anvertrauten Zielgruppen?
Manche Handlungsfelder werden wegen der enormen Bedeutung der Eucharistie kaum wahrgenommen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn der Eindruck entsteht, dass sämtliches pastorales Handeln ausfällt.
Zugleich wird deutlich, dass pastorales Wirken sich nur in der persönlichen Begegnung entfalten kann und dieses Handeln wegen ihrer individuellen und persönlichen Bedürftigkeit schwer öffentlich gemacht werden kann. Dieses Dilemma wirkt sich auch auf die berufliche Identität der Seelsorger*innen aus. Dort wird deutlich, dass Zweifel an der eigenen beruflichen Identität zu den Erscheinungsbildern der Corona-Pandemie gehören, als auch deren Bestärkung. 43% der Seelsorger*innen bestätigen, dass sie zwischenzeitlich an ihrer beruflichen Identität gezweifelt haben 5 und 24% geben an, dass sie sich zu Beginn der Pandemie unter Druck erlebt haben 6.
Diese Werte sind markant und empfehlen eine eingehendere Analyse, insbesondere wenn 62% der Aussage zustimmen, dass sie sich aktuell gestärkt sehen 7. Was aber ist mit den anderen 38%? Sehen sie sich aktuell nicht gestärkt in ihrer beruflichen Identität?
Unterstützt wird diese Bestärkung in der beruflichen Identität durch die Möglichkeiten von Supervisions- und Coaching-Angeboten als auch im kollegialen Austausch. Deutlich sind aber auch die Belastungen, wenn der Austausch im Seelsorgeteam unbefriedigend oder wenig transparent ist 8.
Der Zusammenhang zwischen Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung wird ausführlich im Fragekomplex C) diskutiert und bezieht sich auch auf die Frage von Relevanz von Kirche.

 

3. Brennglas geschützte und exponierte Orte

Die Corona-Pandemie verdeutlicht: Vor einer Infektion bin ich in den eigenen vier Wänden am leichtesten geschützt, außerhalb setze ich mich einem höheren Risiko aus. Je nach Infektionslage wird daran appelliert, die Mobilität und die Kontakte gering zu halten.
Wie kann da Seelsorge möglich sein, die aus der Begegnung lebt? Zwar werden Videoplattformen als neue Kommunikationsformen wertgeschätzt, die sogar Ressourcen (Dienstfahrten) schonen können, jedoch erscheinen sie als Provisorium und in Seelsorgegesprächen (z.B. Trauergespräch) als unbefriedigend. Dagegen erscheinen Telefongespräche (teilweise auch Videogespräche, sofern der/die Gesprächspartner*in darüber verfügt) als hilfreiches Medium 9. Seelsorgegespräche in Einrichtungen mit vulnerablen Personen sind unter Wahrung der jeweils gültigen Hygienevorschriften möglich, sofern ein Zutritt gewährt wird. 10
Gottesdiensträume werden bei Gottesdiensten zu einem schützenswerten Ort und erhalten als „offene Kirche“ eine große Bedeutung als Ort des Rückzuges bzw. Recreation. Viele Kommentare verweisen darauf, diese Bedeutung konzeptionell zu verstärken. Einen weiteren Akzent setzen die Hinweise auf neue Gottesdienstformen an „anderen Orten“ wie Stations- oder Weggottesdienste im Freien 11.

4. Brennglas Veränderungsprozesse

Unabhängig von der Corona-Pandemie zeigen sich strukturelle Veränderungen in den Kirchen, wie Kirchenaustritte, demografische Entwicklung der Kirchenzugehörigkeit im Jahre 2060, die Überalterung von Seelsorgenden und Entwicklung der Haushalte 12, die teilweise als Brüche bezeichnet werden. In dieser empirischen Erhebung werden Abbrüche - durch abgesagte oder aufgeschobene Veranstaltungen - benannt, von denen noch nicht absehbar ist, welche Wirkung sie haben werden. Jedoch stimmen 70% der These zu, wonach sich die Bindung vieler – auch engagierter – Christen während der Corona-Pandemie gelockert hat 13. 56% sind der Meinung, dass die Corona-Pandemie die Transformationsprozesse der kath. Kirche beschleunigt 14.
Markant ist ebenfalls das Ergebnis, wonach 63% eine Schwächung der ehrenamtlichen Mitarbeit bezeichnen 15. 56% sehen eine Schwächung der Gremienarbeit 16. Hier lassen sich große Anstrengungen erahnen, Ehrenamtliche zu gewinnen oder wieder neu zu motivieren.
Dem Prozess des Synodalen Weges kommt dabei eine hohe Bedeutung zu in der Notwendigkeit von innerkirchlichen Reformen, so zeigen sich 72% zustimmend 17. Ebenfalls 71% stimmen der Aussage zu, dass die Umstände und Erkenntnisse der Corona-Pandemie das Potential zu einem „Zeichen der Zeit“ haben 18. Dies korrespondiert mit ebenfalls 72% Zustimmung zu der Frage, dass eine theologische Reflektion eine große und sehr große Wichtigkeit hat, was „Änderungsnotwendigkeit und Vergewisserung hinsichtlich des kirchlichen Auftrags angeht“ 19.
Deutlich ist weiterhin, dass momentan genügend personelle Ressourcen und eine hohe intrinsische Motivation gegeben sind, um während der Corona-Pandemie zu improvisieren oder Veranstaltungsangebote den entsprechenden behördlichen Auflagen anzupassen.

5. Ausblick dieser Dokumentation

Die empirischen Daten dieser Dokumentationen lohnen eine intensivere Beschäftigung, um konkrete Empfehlungen aussprechen zu können. Diesen Diskurs kann jedoch diese Dokumentation nicht leisten. Sie will vielmehr Gremien und Organisationen ermutigen, jeweilige Handlungsperspektiven zu entwickeln. Im Rahmen seiner Möglichkeiten wird sich der BVPR und seine Diözesangruppen wohl selbst eingehender beschäftigen und womöglich zu gegebener Zeit Thesen formulieren.

München, den 11.2.2021

Martin Holzner


1 Hier erscheint es notwendig, durch geeignete Maßnahmen zu sensibilisieren auf die Erwartungshaltung von Gläubigen und pastoralen Mitarbeiter*innen. Nicht zuletzt ist davon die berufliche Identität der Seelsorgenden betroffen. Die ihnen zugesprochenen Kompetenzen sind einerseits wenig bekannt (innerhalb der Gläubigen) oder haben mit unter einen diskriminierenden Charakter (z.B. Stichwort: Predigtverbot für Laien). In zahlreichen Kommentaren, in denen das Verhalten „des Pfarrers“ kritisiert wird, schwingen wohl auch Kränkungserfahrungen mit, die sich im Verlauf der Berufsbiografie angesammelt haben. Ähnliches gilt vielleicht für gelegentliche – distanzierende? - Bezeichnungen „von oben“ (in B16, S. 72ff.)
2 Vgl. B12, S. 59
3 Vgl. D5, S. 137ff.
4 Allerdings ist auch zu beobachten, dass „der Priestermangel“ seit wenigen Jahren nicht mehr zu den vorrangigen Themen auf Seiten der Bischofskonferenz gehört.

5 Vgl. G11, S. 247
6 Vgl. Tabelle B3b., S. 27f.
7 Vgl. G11. Ist dies eine Momentaufnahme in der Corona-Pandemie oder eine grundsätzliche Einschätzung? Ist dieser Wert zufriedenstellend oder alarmierend?
8 Vgl. G3, S. 205ff.
9 Vgl. Kommentare Trauergespräche in D6, S. 141ff.
10 Vgl. Anmerkungen im Vergleich Klinik- und Altenheimseelsorge, S. 195ff.
11 Vgl. Kommentare in D11, S. 157ff. sowie in G19, S. 285ff.
12 Im Jahr 2020 haben mehrere Bistümer umfangreiche Sparmaßnahmen angekündigt.
In Beobachtungen des BVPR über die letzten Jahren wird deutlich, dass sich Sparmaßnahmen in der Vergangenheit signifikant in den DBK Jahresstatistiken im Rückgang der Anzahl der Pastoralreferent*innen zeigen, insbesondere in 2005.
13 Vgl. G21, S. 300ff.
14 Vgl. Kommentare in G5, S. 214ff.
15 Vgl. G6, S. 222ff.
16 Vgl. G7, S. 229ff.
17 Vgl. G22, S. 307ff.
18 Vgl. G14, S. 255ff.
19 Vgl. G10, S. 243ff.